Johannes Jansen

Kleines Dickicht

ISBN: 978-3-85415-268-2

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112 Seiten, brosch., neuwertig, erschienen 2000


Mit einer Photoserie von Ute Zscharnt

Als erstes erinnere ich mich an ein unsägliches Dröhnen, das mich aus dem Schlaf riß. Ich schrie. Jahre später, als die Zeit reif dafür schien, erklärte man mir, daß das die Panzer waren, die nachts durch unsere Straße Richtung Prag fuhren. August achtundsechzig. Das zweite, woran ich mich erinnern kann, sind die Sprünge einer weißen, dicken Figur auf einem unscharfen Fernsehbild. Ich durfte zum ersten Mal lange aufbleiben. Die alleinstehende Nachbarin war die einzige im Haus, die ein Fernsehgerät besaß. Meine Mutter hatte Schnittchen geschmiert. Die ersten Menschen waren auf dem Mond gelandet …

Die kurzen, selten über eine Seite hinausreichenden Prosastücke von Johannes Jansen, die seine Kindheit und Jugend in den städtischen, vorstädtischen und auch ländlichen Gegenden der verschwundenen DDR zum Thema haben, erinnern im ersten Moment an schnelle Einfälle und Anekdoten, die erzählt werden wollen, sind aber vielmehr Traumbilder aus einer Art Schattenreich, in das sich der Autor noch einmal hineinfallen läßt. So geht es bei diesen Beobachtungen weniger um eine Distanz zu den Bildern als um eine nochmalige Bestätigung einer Fremdheit, die im Damals wie im Heute präsent wird.

Am liebsten spielte ich „Die Deutschen kommen“, wobei das Spiel hauptsächlich darin bestand, Deckung zu suchen. Ich durfte nicht gesehen oder getroffen werden, da ich ja ganz allein war und diese Deutschen meistens mit gewissen Flugobjekten über mir hereinbrachen. Pan Am, Air France und British Airways. Hinter der Mauer war ein Flugplatz in der Nähe. Ich verbrachte meine Kindheit also unter anderem in diesen Rudimenten zum Teil zerschossener, zum Teil zerbombter Architektur, die sich inzwischen allerdings mit eher modernem Abfall gefüllt hatten, der mir zum Bau von Unterständen diente. Für mich war Krieg. Hinter der Mauer ging die Sonne unter. Manchmal kam ein Soldat vorbei. Ich grüßte und dachte an das Wort Waffenstillstand.

Kein Roman über die Wendezeit, keine geschlossene Erzählung, aber eine kurze Geschichte in 77 Auftritten – über Kindheit und Jugend in der DDR der 70er und 80er Jahre.


Johannes Jansen

* 1966 in Ost-Berlin, deutscher Schriftsteller

Aufgewachsen in Freiberg, Leipzig und Pankow, Lehre als Graveur, nach dem Wehrdienst Studium der Gebrauchsgrafik bei der NVA ohne Abschluß.
Danach freier Autor, zählte zur DDR-Avantgarde.
Zahreiche Preise und Auszeichnungen u.a.
1990 den Anna-Seghers-Preis,
1992 das Alfred-Döblin-Stpendium,
1996 den Preis des Landes Kärnten
beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt
sowie 1997 eine Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung.

Johannes Jansen lebt in Berlin.

Bisher erschienene Titel im Ritter Verlag:

  • Lost in London

    94 Seiten, brosch., neuwertig, erschienen 1994,
    mit Fotos von Ute Tscharn

    ISBN: 978-3-85415-135-7
  • Kleines Dickicht

    112 Seiten, brosch., neuwertig, erschienen 2000

    ISBN: 978-3-85415-268-2
  • Dickicht Anpassung

    80 Seiten, brosch., neuwertig, erschienen 2002

    ISBN: 978-3-85415-325-2

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