Andreas Okopenko

DIE BELEGE DES MICHAEL CETUS

ISBN: 978-3-85415-318-4

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192 Seiten, brosch., erschienen 2002


So ist’s recht. Meine Damen und Herren, Sie wollen also wissen, oder Sie wollen es nicht, aber Sie kommen nicht drum herum, zu erfahren, warum ich, ein 18-jähriger Gymnasiast, Michael Cetus, am ersten Tag einer erfüllten Liebe, zu Marjorie Eddington, nüchtern, mein kleines Tonbandgerät neben mir im Chemikalienstaub, auf einer häßlichen hölzernen, weiter unten eisernen Materialrutsche sitze, um drei Uhr früh in den Survay-Werken, hinter mir eine Laufkatze, die mich um sechs, beim Eintritt des ersten Arbeiters, oder um sechs Uhr zehn, denn er zieht sich erst noch um, in die schwachglühende widerliche schmelzende Masse stoßen wird, die schon die ganze Nacht hier unter mir blubbert. Sie müssen wissen, daß ich ein normaler Bursch bin, ohne masochistische Lustanwandlungen, ohne Schuldkomplexe, ohne Suizid-Anamnese. …

Die Erzählungen dieses Bandes bedeuten Spektralanalysen von Zeiten, Vorgängen und Personen … Menschen, die sich hier entstellt wiederfinden, mögen bedenken, daß ich Personen, Orte und Verhalte gemischt habe. So habe ich Züge sympathischer Leute mitunter unsympathischen eingezeichnet. Sogar Parodien meiner selbst habe ich auf einige Helden verteilt …“ So Andreas Okopenko im Vorwort
zu den drei Erzählungen Die Materialrutsche oder die Belege des Michael Cetus, Zwei Schufte und Der Greis.

Und schließlich sind da die Kinder, die anders sind als die Märzkinder, weil Kinder einen feinen Sinn für Jahreszeiten haben und wissen, daß sie im September Septemberkinder sein müssen. Der Vierjährige des Hauses, seine fünfjährige Freundin und der Sechsjährige, der zahmer ist als beide, weil er den schalen Geschmack der Schule, den Kopfdruck kompakter Unfreiheit schon eingekrüppelt trägt. Sie halten sich an den Händen und umgeben einen kleinen Hydranten, aus dem der Garten besprüht wird. Der Greis möchte Kontakt mit ihnen aufnehmen. Na, gefällts euch? oder sonst ein Sprüchel, das man sagt, wenn Marsbewohner aus dem UFO steigen. Hast du ein schönes Kleid heute an! wählt er, zur Fünfjährigen gesprochen. Das Mädel wird rot, überlegt, wie man auf ein Kompliment zu danken hat, und streckt schließlich die Zunge heraus. Der Greis überlegt, wie man auf ein Kompliment zu danken hat, und sagt: Und eine schöne Zunge! – Du bist dumm! sagt der Vierjährige zu ihm. Der Greis will spielen und tappt nach dem Buben. Der Vierjährige spuckt ihn an. Das Mädchen lacht und streckt, nun zum Selbstzweck, die Zunge heraus. Der Sechsjährige sagt gelangweilt: Geh, lassen wir den alten Tatter. Die Kinder ziehen ab. Die Mutter des Hauses ist irgendwo im Bild und ruft heraus: Kinder, laßt den Herrn Wanner in Ruh, er hat euch nichts getan. Hat sie gesehen, daß er mich angespuckt hat? denkt der Greis …


Andreas Okopenko

* 1930 in Košice, Slowakei, † 2010 in Wien,
österreichischer Schriftsteller, lebte seit 1939 in Wien.

Andreas Okopenko gehört zu den bedeutensten Vertretern der österreichischen Gegenwartsliteratur und gilt als Wegbereiter der Wiener Gruppe.

Publiziert seit 1949 Lyrik, Essays, Erzählungen, Romane, Hörspiele, Features, Chansons.
Studium der Chemie,
bis 1968 Betriebsabrechner in der Industrie.

1970 stellte er noch vor der Entstehung des Internet mit seinem Lexikon-Roman den ersten “Hypertext” in Buchform vor und gilt daher als literarischer Vorreiter des Hypertextes.

Zahlreiche Preise und Auszeichnungen u.a.
1983 Literaturpreis der Stadt Wien,
1995 Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold,
1998 Großer Österreichicher Staatspreis,
2002 Georg-Trakl-Preis für Lyrik

Bisher erschienene Titel im Ritter Verlag:

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