Dieter Sperl
Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten
ISBN: 978-3-85415-702-1144 Seiten, brosch., erschienen 2026
Dieter Sperl führt in Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten Vorstellungen fernöstlicher Philosophie mit Erfahrungen aus seiner nahen Lebenswelt in einen polylogen Denk- und Empfindungsraum zusammen, verbindet unterschiedliche Spuren erzählten Lebens, die das Thema des Festhaltens (der Form) und des Loslassens (der Offenheit) aufwerfen. Die autobiographisch geprägten Szenerien, das obere Murtal beispielsweise oder den 3. Wiener Gemeindebezirk, durchweht der Spirit eines mystischen All-Bewusstseins.
Traumerzählungen dienen als Quelle der Inspiration ebenso wie alltägliche Beobachtungen und Betrachtungen oder aus Tageszeitungen Aufgelesenes. Die angeblich besten Krapfen der Steiermark oder ein der Spionage bezichtigter Belugawal gewinnen in Sperls Text nicht weniger Bedeutsamkeit als sinnreiche Reflexionen zu glückhafter oder selbstvergessener Lebensführung.
Alles scheint hier miteinander verwoben, während sich identitätsstiftende Grenzen des Ichs und der Sprache in Auflösung befinden – einen Zustand von Leere und Selbstauslöschung als utopisches Ziel vor Augen. Tradierte Ordnungen, auch solche des Erzählens, geraten solcher Art ins Wanken, zugleich gewinnt Dichtung Bedeutung als epistemische Praxis von eigener Kategorie.
Dieter Sperls Vom Festhalten und Loslassen der Welt ist ein außergewöhnliches Kompendium über das Konstruieren eines Selbst und von dessen Geschichte sowie über die Achtsamkeit gegenüber der Sprache, die davon erzählt.
Diese Sammlung aus Notaten und Erinnerungsfragmenten, zwischen denen sich immer wieder auch »Erzählinseln« (Zsuzsanna Gahse) und poetologische Erwägungen finden, erweist sich als sorgsam komponiertes Mosaik, das nicht zuletzt auch von den Aussparungen lebt. Wo der Autor Raum lässt, an welchem Punkt er einen Gedanken nicht weiter ausführt oder eine sich andeutende Handlung nicht weiter verfolgt, das ist ein ganz entscheidendes Merkmal dieser Prosa, die sich in der Spannung zwischen »Festhalten und Loslassen« bewegt.
(Florian Neuner, junge welt)

